"Only the good die young. Sie wurde 87."
Das war fast schon einer der freundlicheren Nachrufe, die in meinem Freundes- und Bekanntenkreis (Twitter, Facebook) geäußert wurden. Ansonsten hatte man das Gefühl, die Leute würden gerne auf ihrem Grab tanzen und Champagnerreste draufpinkeln. "Häme" wäre noch eine freundliche Beschreibung, und da wurden Grenzen überschritten. Reihenweise.
In den Zeitungen sah das naturgemäß ganz anders anders aus. In den konservativen Blättern habe ich gelernt: Großbrittanien war vor ihrer Zeit quasi schlimmer als die DDR. Alle Betriebe marode, nichts funktionierte, Stromstreik, Krankenhaus-Streik, wahrscheinlich musste man für Bananen 8 Stunden anstehen und der Stolz der Nation war eh im Arsch. Dann kam Maggie und ein goldenes Zeitalter brach an. Ein bisschen schockierend, dass man so gar nicht dazu in der Lage ist (oder sein will), ihr wahres Erbe zu beschreiben.
Thatcher und Reagan waren es, mit beinahe zeitgleichen Regierungszeiten, die uns die heute als selbstverständlich hingenommene Idee beschert haben, dass Staaten wettbewerbsfähig sein müssen. Dass Staaten nicht zur primären Aufgabe hätten, Frieden, Sicherheit und Wohlstand, und zwar für alle ihre Einwohner, aber auch für Bürger anderer Staaten zu sichern, sondern dass sie alle in einem Wirtschaftswettstreit miteinander stehen müssten und dass die, die am billigsten arbeiten, irgendwas davon hätten - außer denen, die zu billig arbeiten, irgendwo in einem asiatischen Sweatshop oder in Afrika. Die Privatisierung von Aufgaben, die zum Gemeinwohl gedacht waren und sind, von Stromversorgung bis Krankenhäusern, waren mindestens im für die ganze westliche Welt spürbaren Ausmaß Thatchers und Reagans Werk. Der "globale Wettbewerb" wurde im wesentlichen durch sie ausgerufen. Und am wichtigsten: Die vollkommene Loslösung von Finanz- und Realwirtschaft - das ist Thatchers Lebenswerk. Die Möglichkeit, binnen 10 Minuten mit drei Handzeichen und zwei Aussagen 500 Millionen Dollar zu verdienen, obwohl niemand in der Zeit irgendwas produzieren kann, was dazu einen Gegenwert bildet - dieser Wahnsinn geht zu großen Teilen auf Maggie Thatcher zurück. Und wir leben mit ihrem Erbe noch ganz gut. Die Spanier, Griechen, Portugiesen nicht. Und wenn man es genau nimmt: Die Engländer und Amerikaner auch nicht.
Freuen kann ich mich, wie die anderen, über ihren Tod nicht. Ihr Lebenswerk (Falkland und ein bisschen Diktatoren-Kungelei gehen dagegen ja fast als bedeutungslos durch) kann ich dennoch verabscheuen. Bringt aber auch nichts. Aber dass offenbar niemand rechts der Grünen dazu in der Lage sein will, den Bezug zur heutigen Politik und Wirtschaft herzustellen und einzusehen, dass sie gemeinsam mit Cowboy Ronald mit voller Vehemenz uns, Europa, eigentlich ja die westliche Welt in eine Sackgasse getrieben hat, aus der wir derzeit keinen Ausweg finden - das finde ich nahezu unverzeihlich.
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