Dienstag, 2. April 2013

Jörg Schönenborn, Bewerter

NSU Prozess, Vergabe der Sitzplätze. Allein schon "Sitzplätze". Man sollte erwähnen, dass die, die keinen Sitzplatz gefunden haben, mit Beginn der Sitzungen den Saal zu verlassen haben. Unsere Sprache, die alles schönreden kann. Jörg Schönenborn redet nichts schön in seinem Kommentar zur Plätzevergabe. Er spannt sogar den Bogen zum restlichen Südeuropa, gleich zu Beginn:
"Jetzt haben wir den Süden Europas also bald komplett gegen uns. Die Griechen hassen uns, weil die Löhne niedrig und die Preise hoch sind, die Zyprer, weil ihre Wirtschaft vor die Hunde geht, und die Türken, weil wir ihre Landsleute erst dem NSU-Terror ausgesetzt haben und sie jetzt vom Prozess ausschließen."
Solche Vergleiche gehen selten gut. Eigentlich nie. Sie sind in einer Liga mit Nazi-Vergleichen oder Sätzen, die beginnen mit "Ich bin kein Rassist, aber" - es funktioniert nicht, weil es immer alles verkürzt, selbst wenn ein Gedanke legitim scheint. Es geht nicht, die Reaktionen von Griechen und Zyprern mit dem Wort "hassen" zusammenzufassen und es geht erst recht nicht, die Gründe mit weniger als einem Halbsatz skizzieren zu wollen. So weit, so schlecht. Die Kurve ins Desaster kriegt Schönenborn dann so:  
"Man kann sich auf den Standpunkt stellen, dass Griechen und Zyprer gerade einstehen für alte Fehler - für die Türken gilt das nicht."
Das Fass am Beginn schon unbeholfen aufgemacht, und zwei Sätze später notdürftig wieder geschlossen: Die Südländer aus der EU sind vielleicht selbst schuld, die Türken aber nicht. Warum, Schönenborn, warum beginnt man seinen Kommentar so? Warum reißt man das viel zu komplexe Europa-Thema da mit rein, wo es nicht hingehört, um es im nächsten Satz ungehörig wieder herauszustreichen?
Und die Türken... die sind ja aller Ehren wert:
"Wir sprechen über drei Millionen Menschen... überwiegend gut integriert..." - nehmen wir an, sie wären überwiegend schlecht oder gar nicht integriert: Was für einen Unterschied würde das machen? Wäre es dann ok, ihre Medienvertreter faktisch vom Prozess auszuschließen? Oder wären sie dann, wie die Griechen und Zyprer, dann doch vielleicht auch selbst schuld? Ermessensfrage, nicht wahr?

Ermessen können wir übrigens ganz gut: Wir Deutschen gefallen uns in der Rolle der Bewerter. Hier bewerten wir gnädig zugunsten der Türken, auch wenn die Männer beschnitten, die Frauen verschleiert und deren Töpfe voller Knoblauch sind. Aber immerhin wurden sie hier abgeknallt, früher abgebrannt, damit haben sie ein paar Punkte gut. Griechen und Zyprer müssen wir anders bewerten. Die haben immer nur in der Hängematte gelegen, während wir geschuftet haben. Stellen wir uns so vor, also bewerten wir hier tendenziell negativ. Dann bewerten wir noch uns selbst, nämlich unser Gericht in München. Und albernerweise auch die Bayern insgesamt. Damit zeigen wir den anderen Bewerteten, dass wir auch über uns selbst richten, sofern wir die Bayern zu uns zählen. Zwar ohne Konsequenzen, aber das gibt den anderen in Südeuropa vielleicht ein besseres Gefühl, wenn sie unsere Bewertung entgegennehmen. 6, setzen, Schönenborn.


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