Ich habe verschiedene Stufen der Euro-Krise aus Bürgersicht durchlaufen.
In der ersten Phase habe ich sie negiert. Ich habe mich über Abwrackprämien lustig gemacht, habe Urlaub in Griechenland gemacht und keine Krise zu Gesicht bekommen, habe mehr verdient als je zuvor und "too big to fail" für eine billige Entschuldigung dafür gehalten, dass wieder einmal Verluste sozialisiert werden, in Geschäften, in denen Gewinne privat sind.
In der zweiten Phase habe ich sie wahrgenommen - und nur Grundsätzliches als Thema zugelassen. Jaja, jetzt Kuh vom Eis, schön und gut, aber die wahrhaft wichtigen Fragen beziehen sich doch auf das System: DARF so etwas wie "too big to fail" denn überhaupt sein? Kleben wir nicht nur Pflaster auf Wunden, gehen aber nicht an die Krankheit?
In der dritten Phase war ich wütend. Sparpolitik, die Menschen arbeitslos macht, selbst wenn sie in Unternehmen waren, die sich nichts zu schulde kommen ließen (vgl. meine Sicht der Dinge: "Gründsätzliches"). Wut darüber, dass in Europa Menschen sterben, weil sie nicht an Medikamente kommen, an die sie in den Vor-Krisen-Zeiten noch kamen. Wut darüber, dass von unten nach oben verteilt wird: Unser Steuergeld hier aus Deutschland, addiert mit Leidensgeld durch Lohnkürzungen, weniger Rente, weniger Sozialleistung usw., zur Bedienung von Zinsen für - offenbar zu riskante - Kredite. Es wird von unten nach oben verteilt, und hier sieht es keiner, weil wir, die normalen deutschen Bürger, so weit oben im "unten" sind, dass wir uns für "oben" halten. Oben ist aber international. Und wir lassen es mit uns geschehen, dass die Medien nicht "oben und unten", sondern "Deutschland gegen Griechenland", "Deutschland gegen Zypern" usw. daraus machen. Wahrscheinlich, weil sie nicht besser können. Vielleicht wollen sie aber auch nicht besser. Versagt haben sie, trotz 128 Talk Shows wöchentlich dazu, in jedem Fall.
Seit Zypern gilt Phase 4: Die nackte Angst. Spareinlagen sicher? Kein Thema, nennen wir den Abzug doch einfach "Sondersteuer". Demokratie? Who gives a flying fuck. Russen-Geld? Sind per se Oligarchen. Alles illegal. Da braucht es auch keine Untersuchungen oder Prozesse. Wir sind schließlich in der Krise. Nehmt den Oligarchen, die sind eh scheiße! Und gesunde zyprische Unternehmen, die Geld auf einer Bank haben? Haben halt 60% weniger, wenn's ein paar hundert Tausend Euro waren. Gehen die halt pleite. Machen ihre Leute arbeitslos. In einem Staat, der ihnen einen Apfel und ein Ei als Arbeitslosengeld verweigern wird. Kaufen die halt nix mehr, damit noch andere Unternehmen pleite gehen. Wir sehen all das, und Merkel und Schäuble reden von "guter Lösung. Schmerzhaft, sicher, aber gut". Wenn das "gut" ist, habe ich Angst. Erstens, weil ich nicht wissen will, wie dann "schlecht" aussehen muss, und zweitens, weil man für eine "gute Lösung" scheinbar über Leichen geht, alle Werte verleugnet - Hauptsache, man schneidet "beim Volk" ganz gut ab, von Vernunft keine Spur. Und darüber regt sich keiner auf: Nicht über Werteverfall. Nicht über die echten Oligarchenmilliarden, die das Land vor und während der Verhandlungen verließen. Ist doch egal: Wichtig ist der Schein, zahlen tut schon irgendwer, im Zweifel der deutsche Steuerzahler - und noch viel mehr der einfache Zyprer. Das Metathema seit Zypern ist "Deutschland gegen den Rest Europas - und im Zweifel der Welt", und nicht Gerechtigkeit, nicht Sinnhaftigkeit, nicht Erfolgsaussichten von diesen Maßnahmen. Seitdem regiert bei mir die blanke Angst.
Schlimm ist, dass die Phasen 2 und 3 leider nicht abgeschlossen sind. Sie addieren sich zu Phase 4. Und so brauche ich ein Ventil, diesen Blog, in dem ich ab und zu mal Leute ankotzen werde, die in meinen Augen verantwortungslos, dumm, arrogant oder fahrlässig handeln und reden. Nicht, dass das jemand außer mir nützte. Aber immerhin kann ich so ein wenig im Wald pfeifen.
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